Turbulenzen – Gruppenausstellung

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28.03. – 19.04.2026 

Eröffnung: Fr. 27.03. 2026, 19 Uhr 
Lesung Ulrike Damm: Mi. 15.04., 19 Uhr 
Künstler*innen-Gespräch: Sa. 18.04., 16 Uhr 

Fotos: DANYLO

Die Welt ist aktuell auf dem Weg, geopolitisch, ökologisch und kulturell aus dem Gleichgewicht zu geraten. Unsere Zukunft scheint auf der Kippe zu stehen, wir spüren die Instabilität unserer kulturellen Identität wie lange nicht. Die Sehnsucht nach Sicherheit ist groß, denn der Boden unter unseren Füßen wackelt und wir bleiben mit einer wachsenden existenziellen Angst allein. Weil unsere hergebrachten Werte in Frage stehen, sind wir alle gezwungen, unsere Identitäten neu zu definieren. 

Künstler*innen: Anja Eichler, anna.laclaque, Barbara Czarnojahn, Beatrix von Pilgrim, Corinna Rosteck, Franziska Rutishauser, Jens Kloppmann, Jürgen Kellig, Katrin Salentin, Lupe Godoy, Marion Jungeblut, Mone Schliephack, Nele Probst, Peter Hintz, Robert Schmidt-Matt, Ulrike Damm, Ute Richter
Kuratorinnen:
anna.laclaque / Mone Schliephack 

Ulrike Damm
Fixierungen > In diesen drei Tableaus untersucht die Schriftstellerin und Künstlerin Ulrike Damm, wie Schrift sich verhält, wenn Identität unter Druck gerät. Die drei Arbeiten basieren auf Stimmen aus ihrem Romanprojekt, welches drei Patientinnen einer Psychiatrischen Klinik um 1920 neu erzählt. Als unterschiedlich handschriftlich ausgeführte Texte sind diese Stimmen der Versuch einer Selbstbehauptung. Sie zeigen auch, was geschieht, wenn Sprache nicht mehr Ausdruck, sondern Mittel der Kontrolle ist.

Fixierungen Emma / Agnes / Jane
Bleistift, Garn auf Papier, 2026, dreiteilige Serie, je 72 x 100 cm

Emma > Ich lerne Stillsein. Bin ein blödes, blasses, braves Mädchen mit einem zu dicken Kopf und dicken Haaren, die ich mir um den Hals wickeln will, mehrfach wickeln will ich meine Haare, und dann ziehen. Das konnte der Wolfgang gut, und der ist jetzt weg.

Wir lernen fleißiges Stillsein, durch Türen, die sich zu schnell schließen, durch Gitter vorm Fenster, die alles zerschneiden in Rechtecke und dann sagen, das ist Schutz.

Stillsein durch Augen ganz schwarz vor Blick, Augen, die entscheiden, ob wir krank sind oder unpässlich oder empfindlich oder hysterisch oder unzumutbar oder unheilbar oder nichts. 

Ich glaube, die schwarzen Augen saugen das Unheilbare auf. Nein, ich bin sicher. Schwarz saugt alles auf. Auch die Sonne, meine Sprache, mein Symptom. Ich habe eine Nummer und alle, die eine Nummer haben, sind längst aufgesogen.

Agnes > Die Jacke trägst du immer. Manchmal ist sie zu warm. Das sagt die Luise: Die Jacke ist zu warm.Du merkst das nicht, darfst bloß nicht schwitzen, weil schwitzen Flecken macht. Dann kommt die Falschschaft und gibt sie nach unten.
Dort wird sie im Keller gewaschen. Du bleibst solange im Bett. Luise bringt sie später, und du umarmst deine Jacke wie deine Mutter.
Waschen ist nicht gut für sie. Das kann man sehen. Jeder kann das sehen.
Die Frage ist, wer es sieht und wen es stört.

Das Garn färbt ein bisschen ab, und dann bildet sich ein Hof um die Buchstaben. Nicht bei allen. Aber das Blau zum Beispiel kann dann nicht mehr klar denken. Das Rot wird rosa und kitschig. Das hat deine Mutter gesagt.
Die Männer sollen denken, und die Frauen nicht weinen und auf keinen Fall kitschig werden. Umarmen ist auch kitschig.

Die Männer sollen, und die Frauen sollen nicht.

Jane > Jeden Tag bereite ich mich auf etwas vor, das nicht kommt. Warum stehe ich auf? Warum wasche ich mir die Träume vom Körper, warum wähle ich aus, kleidemich an, bin irgendeine, die gesehen wird in irgendeiner Weise, warum?Ich richte mein Kreuz auf, mit Mühe, mit sehr viel Mühe, und will jemand sein, soll jemand sein: eine Frau, ein Star, eine Geliebte, eine, an die man sich erinnert, über die man lacht, die man hört, die man bewundert, wegen was, wegen was nur?

Warum dann erinnert man sich nicht? Oder doch, und an was oder wen? Ist es nur die Jane, die lacht? Nur das?

Warum muss ich meine Tränen selbst saufen, warum bleibt mir das Schluchzen im Hals stecken, warum muss ich es schlucken wie saure Milch? Wie lang muss ich mich zum grauen Himmel strecken, wie laut meine Stimme erheben, wie fleißig die Toilette richten, bevor oder damit mich andere sehen? Ich weiß es nicht: bevor oder damit? Damit was endlich geschieht? Was endlich? Geschieht was? Und wann?

Foto: Anja Eichler