Die begehbare Schriftinstallation in der Ausstellung macht Leserin und Leser zu Betrachtern und Entdeckerinnen. Zu erforschen: ein Text und seine Entstehung. Das dies – wie alle Forschung – Herausforderung und Vergnügen zugleich ist, liegt daran, dass Ulrike Damm ihre Texte immer zweimal schreibt: am Rechner und später auf Papier. Damit entstehen neben ihren Büchern Schriftbilder, als visuelle Psychogramme ihrer Romanfiguren und absurd erfrischende Text-Bildräume. Ulrike Damm verknüpft so kongenial ihre beiden Leben als Schriftstellerin und Künstlerin. Denn ihre Texte wollen nicht nur gelesen werden! Auch gesehen: in diesem Fall über 22.000 Karteikarten.
Eine Ausstellung des Literaturhauses Leipzig e. V. Haus des Buches Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig Vom 4. September bis 25. Oktober 2024 Montag bis Donnerstag 9 bis 17 Uhr Freitag 9 bis 15 Uhr und zu den Veranstaltungen, Eintritt frei
Es gab Lesungen und Gespräche zu meinem neuen Buch: Zwei Wahrheiten des Schreibens und der Fall Kulp, erschienen März 2023, edition frölich > s. u. Termine!
Hardcover, Fadenheftung, 17 x 23 cm, 192 Seiten, 130 Abbildungen, 28,– Euro, ISBN 978-3-9824450-5-2
www.editionfroelich.de
Wir setzen Buchstaben nebeneinander aufs Papier, sammeln unsere Gedanken, versuchen zu verstehen, was mit uns geschieht, sortieren, ordnen, werten. Um uns unsrer selbst zu versichern, ringen wir nach Worten und deren Bedeutungen, formulieren Texte. Man nennt es Schreiben. Damit versuchen wir, dem Chaos des Lebens auf die Schliche zu kommen. Das ist die eine Wahrheit.
Die andere ist, dass die Sprache unsere Gefühle noch lange nicht gefügig macht. Darum gilt es, die Ordnung der Texte zu durchbrechen und ihnen das Chaos zurückzugeben. Die Künstlerin und Schriftstellerin Ulrike Damm durchdringt ihre Texte ein zweites Mal, indem sie sie aus den Buchseiten heraustreten lässt und mit handgeschriebenen, raumgreifenden Zeichnungen neue Bildwahrheiten schafft. Edgar Kulp, Held ihres Romans Kulp und warum er zum Fall wurde, erblindet mit Mitte vierzig durch einen Autounfall. Dass er sich damit nicht abfinden kann, ist vorstellbar, entsprechend entfesselt sind die visuellen Übersetzungen seiner Verzweiflung.
Mit der Verbindung zwischen verfassten und visuell gestalteten Texten gelingt es Ulrike Damm, zwei Wahrheiten ein und derselben Geschichte zu erzählen, die in diesem Buch ihren prachtvollen Ort finden.
Sich blind schreiben
Wie sehr ich es hasste, mein Gesicht wie einen nackten Arsch in die Welt zu strecken und nichts zu sehen. In diesen Momenten fiel mir ein, dass ich blind war, ein Gedanke, der mir sonst stunden-, ja, tagelang nicht mehr in den Sinn kam.Ich wusste, dass ich angestarrt wurde und diese Starre übertrug sich auf mich. Es war das, was ich früher oft erlebt hatte, kurz nach meiner Erblindung: Die Leute hatten mich angesehen und ich war nicht in der Lage, die Zeichen zu deuten, die mich darüber aufgeklärt hätten, was diesen Glotzern beim Betrachten des blinden Mannes durch den Kopf gegangen war. Aber sie glotzten unbeirrt weiter, ich spürte es körperlich, ich spürte ihren Blick auf meiner Haut, als sei ich nackt.
> aus „Kulp und warum er zum Fall wurde“, Seite 233
Wut
Ein anderer Weg des Schreibens war die Zeilenschablone. Kulp schrieb durch die Löcher einer Metallplatte, damit er sich auf dem Papier nicht verlor.Das Schreiben strengte ihn an. Er schrieb durch Löcher, genau genommen durch Spalten, und trug in die Aussparungen der A4-großen Vorrichtung seine Zeilen ein, was mühsam war und unbequem. Innerhalb der länglich schmalen Fläche, die für eine der Zeilen gedacht war, klemmte er seine Buchstaben, stieß dabei an die Kanten und verlor die Orientierung innerhalb der schmalen Fensterchen.Wenn er absetzte und die andere Hand dem Weg des Bleistifts nicht gefolgt war, musste er ein Fensterchen tiefer weiterschreiben. Die Finger tasteten sich zum nächsten Loch ganz nach links und – wo war er, welches Wort hatte er zuletzt geschrieben, hatte er schon oder hatte er noch nicht? – abgerissen: Gedanke wie Schrift. Das neue Fenster begann mit einem neuen Gedanken und irgendwann riss auch der ab, wurde unterbrochen durch das zu frühe Anheben des Stifts oder auch durch einen neuen Gedanken, der raus wollte und erst durchs Gitter kriechen musste, um auf das Blatt zu kommen, das Kulp nicht sah.
So schrieb er seine Texte in eine erzwungene Ordnung, die ihm die Gedanken stutzte. > aus „Kulp und warum er zum Fall wurde“, Seite 98
Nach „kunst kommt aus dem schnabel wie er gewachsen ist“, erscheint mit diesem Buch der zweite Band „dit beste aus kunst bleibt kunst wie es leuchtet und strahlt“ über die Kunstwerkstatt Mosaik Berlin, die seit 25 Jahren besteht. Jeden Tag gehen hier Menschen mit Behinderung zur Arbeit, regelmäßig und gewissenhaft, inspiriert und angeleitet. Der Damm und Lindlar Verlag zeigt die künstlerische Entwicklung dieser Menschen, die hier zu dem wurden, was man Künstler*innen nennt: durch einen geregelten Arbeitsalltag, das Vermitteln von Techniken, die Konzentration auf jeweilige Begabungen und durch die Assistenz bei der Verwirklichung von künstlerischen Vorstellungen. Bilder, Texte und Lyrik belegen in atemberaubender Weise die Ergebnisse dieser Arbeit. Das Buch zeigt Werke, die man inzwischen national und international in Ausstellungen sehen und als wahre Entdeckungen bezeichnen kann. Eigens für dieses Buch hat außerdem die bekannte Fotografin Birgit Kleber 21 eindrucksvolle schwarz/weiß Porträts der Künstler*innen angefertigt.
> dit beste aus kunst bleibt kunst wie es leuchtet und strahlt 978-3-9818357-6-2 bestellbar > damm und lindlar verlag 384 Seiten, Hardcover, 384 Seiten, ca. 300 Abbildungen www.dammundlindlar-verlag.de
Ein neuer Kurzdokumentarfilm von Sabine Herpich zeigt, wie sich die Papier- und Textmassen der Künstlerin in deren Wohnung bahnbrechen, weil die Museen geschlossen waren.
Die Autorin und Künstlerin Ulrike Damm schrieb ihren im März diesen Jahres veröffentlichten Roman Kulp und warum er zum Fall wurde vollständig ab. Der handgeschriebene Text auf Seidenpapier ist der Inhalt des Buches. Er umfasst 360 Seiten und 962 Meter Literatur.
Der Protagonist Kulp erblindet vollständig nach einem selbstverschuldeten Unfall. Er scheitert an seiner Physis. Die hier gezeigte Arbeit spiegelt diesen Gedanken: Auch sie scheitert, denn als Roman ist der Text so nicht lesbar. Wie eine Bedrohung legt er sich monströs über Kulps Leben. Das ist die Geschichte, gezeigt durch das raumgreifende Schreibwerk, genannt Skulptur.
Fotos Holger BiermannFotos Ulrike Damm Fotos: Gabrio MucciFotos: Steve Sabella
Herausgegeben von Prof. Dr. Mario Andreotti und Rüdiger Heins. Die vorliegende Juni-Ausgabe befasst sich mit dem Voynich-Manuskript, einer mittelalterlichen Handschrift. Als Gegenentwurf werden Schriftbilder von Ulrike Damm gezeigt, die visuelle Übersetzungen ihres Romans Kulp und warum er zum Fall wurde sind.
Ich schreibe meine Texte immer zwei Mal. Meinen Roman Kulp und warum er zum Fall wurde auch. Er ist in diesem März im österreichischen DRAVA Verlag erschienen.
Der Held ist der blinde Schriftsteller Edgar Kulp, der seine Texte handschriftlich durch die Zeilenschablone schreibt. Diese unbequeme Art des Schreibens beeinflusst nicht nur die Form, sondern auch die Inhalte seiner Texte: „Die Herrschaft über seine Texte hatte ein Werkzeug, genannt Schablone, übernommen.“
Die hier abgebildeten Zeichnungen zeigen zwei große Arbeiten mit Bleistift. Sie sind eine visuelle Übersetzung des Textes und stellen den verzweifelten Arbeitsprozess dar, bei dem der Schreibende mit jeder Handbewegung im wahrsten Sinne des Wortes an seine Grenzen geführt wird.
Bei meinen Handschriften spreche ich von Übersetzungen, weil der Text die Form vorgibt. Ich lese meine Texte neu und finde dafür eine handschriftliche Form. Intuitiv. Da es meine eigenen Texte sind, muss ich nicht nach Interpretationen suchen. Kopf und Hand arbeiten gut zusammen.
Beide Zeichnungen sind zwei dreizehn Meter lange Papierbahnen, die sich aufeinander beziehen. Die eine zeigt das Hadern mit dem lästigen aber notwendigen Werkzeug und den Versuch es zu umgehen: Ein wütender, wilder Schrei, der zu keinem Text führt.
Das Gegenstück zeigt den Versuch, das Werkzeug zu beherrschen und den Text in einzelne Zeilen zu bringen. Ich schreibe den Text durch die Zeilenschablone. Zu Beginn Zeile für Zeile. Das Papier aber ist zu groß und ich verliere mich auf der Fläche, schreibe den Text doppelt, dreifach, zwanzigfach übereinander, streiche Textstellen aus, die Schablone verrutscht und ich rücke auf der langen Papierbahn Stück für Stück weiter mit der Schablone nach vorn, überschreibe vorherige Texte, es entsteht ein Netz von Buchstaben, immer unkenntlicher, immer dunkler, weil sich mit jeder Schicht der Schwarzanteil des Bleistifts erhöht, es wird unübersichtlicher, am Ende chaotisch. Ich schreibe tatsächlich bis zum Ende den Text richtig ab, aber irgendwann kann man keine Buchstaben, kaum noch Zeilen sehen, das Raster der Schablone bleibt zwar als Struktur erkennbar, am Ende aber ist es, als habe ich mich selbst in eine Blindheit hineingeschrieben.
Kurzfilm Festival Hamburg Ulrike Damm schreibt ihre Texte immer zweimal: Beim Verfassen am Rechner und später, wenn es Zeichnungen werden. Dann geht der Text durch Hand und Körper, die Künstlerin verleibt sich die Sprache ein, und es entstehen handgeschriebene Psychogramme. Wahrhaft durchdrungen, werden sie dinghaft korrigiert, verändert, ergänzt, gestrichen, fast sprechen sie zu uns und werden zu unausweichlichen Schriftbildern.
Leipzig liest Ulrike Damm liest aus ihrem neun Roman Kulp und warum er zum Fall wurde. Der kurze Dokumentarfilm von Sabine Herpich: Ulrike Damm schreibt ist Teil der Veranstaltung.
März 2021, Seite 35 Anlass dieses Gesprächs ist der gerade erschienene Roman von Ulrike Damm Kulp und warum er zum Fall wurde. Das Interview führt der Kunsthistoriker Jochen Boberg.