
Einem glücklichen Umstand zufolge war er jetzt blind.
Ein Autounfall vor zehn Jahren, lange nachdem sie sich das letzte Mal gesehen hatten. So fügen sich die Dinge manchmal und man muss selbst nichts tun. Nur warten.
> Der neue Roman ist bei DRAVA erschienen.
Der Literaturkritiker Thomas Hocke schreibt:
Das Leben – eine einzige Kommunikationspanne
„Kulp und warum er zum Fall wurde“ von Ulrike Damm ist ein kluges Buch. Fast hält man kurz inne – nicht, um das sofort zu widerrufen oder sogleich in Zweifel zu ziehen, nein, weil man durch die Beschäftigung mit dem Buch gehalten ist, präzise zu formulieren und immer den Schein von der Wirklichkeit zu trennen. Man wird unwillkürlich Beobachter seiner eigenen Sätze. Ulrike Damm macht es vor.
Ein kluges Buch über den ur-menschlichen Versuch, Kommunikation herzustellen, was, wie man in dem Roman permanent erfährt, zum Scheitern verurteilt ist, weil es die Beziehung(en) verunmöglicht.
Alle Protagonisten ausnahmslos in dem Buch scheitern daran – und wie als Spiegelbild der realen Gesellschaft gleichsam bröckelt der schöne Schein kaum nach der Aufnahme von weiteren Kommunikationsversuchen.
Alle Personen, ob Kulp oder seine Schwester Vera, seine (und ihre) Eltern, sein Freund, ein Polizist, eine kurz auftauchende Bekannte aus der Vergangenheit, sie alle haben Probleme im Zusammenleben – und versuchen, sich davon zu befreien, was immer scheitert. Einzig seiner Schwester gelingt der Befreiungsschlag, wenn auch auf sehr kuriose Weise.
Kulp ist von Anfang des Romans an blind, verursacht durch einen Autounfall, den er selbst verschuldet hat – Ulrike Damm spielt ein wenig mit den Namen, die sie den Personen gibt, ob es Kulp selbst ist, oder Vera oder auch Gunst, der Psychiater, der nur eine vorübergehende Rolle spielt – vielleicht weil er gegen das Ethos der Psychiater verstoßen hat, selbst in die Therapie einzugreifen.
(Man erinnert sich da fast an frühere Seminar- oder Examensarbeiten, die die Namensgebung bei Thomas Manns „Zauberberg“ vortrefflich aufhellten – auch bei Ulrike Damm „machen“ die Namen „einen Sinn“. Und noch eine Marginalie wird erinnerlich: während des Philosophiestudiums geisterten die verschiedenen Widerspiegelungstheorien durch die Seminare: was ist Wirklichkeit, und was ist Abbild? Daran fühlt man sich erinnert beim Lesen dieses Romans, weil der mit den verschiedenen Bildern von Wirklichkeit geschickt hantiert, ein Puzzle aufbaut).
Kulp also ist blind geworden, aber, so grausam das auch klingt, es ist das Beste für ihn, den verhinderten Schriftsteller (vor dem Unfall), der zu einem Organisator des neuen Lebens wird – der Unfall als kathartische Übung. Ihm folgen andere, die sein bisheriges Leben völlig verändern: er lernt (wieder), zu lesen, zu schreiben auch wieder, diesmal durch Schablonen, die er selber fertigt. Von seinem Freund, dem er allerdings die allzugroße Nähe verweigert, sollen die Texte publiziert werden. In welcher Form, bleibt nebulös, ist nicht so ganz „sichtbar“… Wie der Leser das sieht, ist eigentlich auch egal. Vielleicht ist auch das nur Schein?
Natürlich dauert der Prozess der Veränderung lange, der Regress auf das frühere Schreiben, wie die Versuche dazu, bleibt aber immer im Hintergrund bestehen.
Es sind verschiedene Stadien der Versuche, schriftstellerisch zu reüssieren: vor und nach dem Unfall – und nach dem Unfall der Versuch, den „intellektuellen Müll“ zu begreifen, den er (allein schon äußerlich) verursacht hat. Sammeln, als könnte man durch die Vielfalt anderer Konzepte anderer Menschen das eigene Ich begreifbar machen.
In diesem Zusammenhang ist auch das vortreffliche Cover des Buches zu erwähnen, das man anfangs kaum beachtet, aber während des längeren Lesens begreift, wie die Unordnung das bisherige Leben beeinflusst hat.
Man kann über viele Einzelheiten aber immer den Überblick behalten – das Konstrukt des Buches ist raffiniert angelegt: zu Beginn erwartet man fast eine Larmoyanz des Verunglückten, die aber nicht eintritt, die kein Thema ist.
Manchmal ist man allerdings fast erschlagen von der Treffsicherheit der Erkenntnisprozesse, den vielen, weises Nachdenken evozierenden Formulierungen, was manchmal den Lesefluss blockiert, weil es so viele sind, über die man eigentlich erst einmal kurz nachdenken will …
Aber da ist man auch schon bei dem latent auftauchenden Begriff des Nach-Denkens, ein Thema – fast wie nebenbei – zum Begreifen des Romans unerlässlich. Der Schein, das Sein – und die Übermittlung als Versuch, Brücken zu schlagen.
Das Konstrukt löst sich beim Eintauchen in das Beziehungsgeflecht auf – bis zu einer dann erwarteten (weil man in immer neue Wendungen geführt wird) Schlussszene auf: Die ist fast logisch, aber weil so viele „Stolpersteine“ während des Lesens gelegt werden, ist man auch erst zum Schluss richtig vorbereitet: Eine brachiale Abrechnung mit der Vergangenheit …, die aber eigentlich logisch ist.
Das Buch ist ein kluges Buch, um die Aussage vom Anfang noch einmal aufzugreifen, vor allem durch das vielfach verästelte Konstrukt, in das man nach und nach eintaucht – und welches somit erklärlich wird.
Thomas Hocke
























